Ein Indianer kennt keinen Schmerz: Wie deine Familie deine Essmuster geprägt hat.

Wo hast du eigentlich gelernt immer alles brav in dich hinein zu fressen? Sei mal ganz ehrlich: Sind Tränen ein Zeichen von Schwäche? Wie unangenehm ist es dir auf einer Skala von 0 bis 10 vor anderen feuchte Augen zu bekommen?

Wie reagierst du, wenn andere in deiner Gegenwart Gefühle zeigen? Muss man Tränen sofort trocknen und ist dann alles wieder gut?

Heile, heile Gänsje. Es ist bald wieder gut.

Neulich habe ich in einer Fernsehsendung gesehen, dass eine Frau Tränen der Rührung in den Augen hatte, weil jemand anderes etwas sehr Bewegendes getan hat. Oh, wie schön, dachte ich. Sie kann ihre Gefühle so offen im Fernsehen zeigen. Sie schämt sich nicht dafür und versucht gar nicht erst sie zu verbergen.

Die Gruppe um sie herum wurde aber sofort unruhig, war betroffen und versuchte sie zu trösten.

Tränen bedeuten nicht immer unbedingt tiefe Traurigkeit. Tränen sind einfach nur ein sichtbares Zeichen des Körpers dafür, dass Gefühle da sind wie ...

… Freude

… Rührung

… Mitgefühl

… Schmerz

… Wut

… und auch Trauer

Zeigt dir dein Körper durch Tränen, dass du intensiv fühlst? Herzlichen Glückwunsch! Wenn du deine Muster finden möchtest, ist es viel einfacher, wenn dir dein Körper als Messinstrument dabei hilft.

Besser jedenfalls, als im Dunkeln mit trockenen aber verbundenen Augen auf allen Vieren Topf schlagen zu spielen auf der Suche nach deinen unbewussten oder verdrängten Gefühlen.

Wo kommt der Impuls her, das vermeintlich Unangenehme sofort zu beheben, unsichtbar zu machen und ins Reine zu bringen?

Als unsere Eltern selber Kinder waren, hatten Kinder einen anderen Stellenwert als heute. Sie liefen oft einfach so mit und sollten möglichst nicht auffallen, nicht laut sein und keine Probleme machen. Gefühlsäußerungen, vor allen negative? Unerwünscht.

Unbewusst sind die so entstandenen Gefühlsmuster, in unseren Eltern noch aktiv. Und sie haben sie - zumindest teilweise – durch ihr Verhalten und ihre unausgesprochenen Botschaften an uns weiter gegeben.

Was heißt das? Du hast als Kind Signale deiner Eltern bekommen, die deine Art mit Gefühlen umzugehen geprägt hat.


Fühle nicht

… weil ich das selber nie durfte.

… weil ich nicht damit umgehen kann.

… weil das meine eigenen (verdrängten) Gefühle antriggert.

… weil du dann nicht mehr berechenbar bist.

Wenn schon mal Gefühle da sind - was sich ja nicht vermeiden lässt - dann sollten sie aber besser unsichtbar bleiben. Keine emotionalen Ausbrüche, keine Tränen, kein Kummer und schon gar keine Wut.


Zeige deine Gefühle nicht

… weil du damit Schwäche zeigst.

… weil dich das angreifbar macht.

… weil du dann nicht mehr sicher bist.

… weil mich das an meine eigenen Gefühle erinnert.

… weil mich das hilflos macht.


Wenn deine Erziehung dir vermittelt hat, dass Gefühle etwas eher Beunruhigendes, Angst machendes sind, dann ist die Botschaft dahinter gewesen: Verschieße dein Herz und nimm deine Gefühle am besten gar nicht erst wahr.

Es gibt keinen Grund deinen Eltern daraus einen Vorwurf zu machen. Sie haben es in der Regel so gut gemacht, wie sie es zu der Zeit konnten und wie sie es auch selber in ihrer eigenen Kindheit erfahren haben. Sie konnten nur das weiter geben, was sie selber an Strategien mit schmerzhaften Gefühlen umzugehen, gelernt haben.

Ein Indianer kennt keinen Schmerz.

Sprüche wie dieser waren in ihrer Kindheit noch verbreiteter als heute. Einfach so dahin gesagt, damit das Kind sich möglichst schnell beruhigt.

Die versteckte Botschaft dahinter lautet: Stell dich nicht so an, du Weichei! Lerne gefälligst deine Tränen zu unterdrücken und so zu tun als ob.

Da wo Gefühle unterdrückt werden müssen, sucht man Wege um diese starken Energien zu kontrollieren.

Wenn es fast unmöglich ist, die passenden Worte und Gesten zu finden, wird nach anderen Ventilen gesucht.

Wie deine Familie deine Essmuster geprägt hat Pinterest

Welche Funktion hatte Essen in deiner Familie? Wie haben die Familienmuster dein Essverhalten geprägt?


1. Bewältigung von Gefühlen

Wohin jetzt nun mit den Gefühlen, wenn sie weder da sein noch ausgelebt werden dürfen? Wie sind deine Eltern damit umgegangen? Wurde Essen genutzt, um Gefühle herunterzuschlucken, sie zu betäuben, sie darunter zu begraben oder im Keim zu ersticken?

Achte mal darauf, wie viel du noch fühlen kannst, wenn du über dein Sättigungsgefühl hinweg gegessen hast. Ein wirksames Betäubungsmittel.


2. Belohnung, Bestrafung und Trost

​„Wenn du die Hausaufgaben fertig hast, darfst du dir was aus dem Süßigkeiten-Schrank nehmen."
„Wenn dein Zimmer nicht aufgeräumt ist, gehst du ohne Abendessen ins Bett!"
„Sei nicht so traurig, guck mal die Oma hat Schokolade für dich!"
„Wenn du nicht aufisst, wird die Mama sehr traurig."

Unbeabsichtigt wird Essen in der Erziehung als Währung eingesetzt – weil es wirkt.

Das erwünschte Verhalten kann so schneller und ohne große Auseinandersetzung erreicht werden. Je intensiver und öfter du das erlebt hast, desto stärker ist die unbewusste Verknüpfung in dir.

Was machst du heute, wenn du dich selber belohnen möchtest? Was ist dein größter Trostspender?


3. Ausdruck von Wertschätzung

Gab es in deiner Familie Anlässe oder Menschen, für die keine Kosten und Mühen gescheut wurden, um ihnen eine besondere Mahlzeit zu servieren? Was gab es nur sonntags oder wenn die Oma zu Besuch kam?

Bei uns war der teure Kochschinken von der Wursttheke meinem Vater vorbehalten. Wenn Kuchen in der Küche stand, war er in der Regel zum Mitnehmen zu einer Feier gedacht und natürlich für uns Kinder tabu. Finger weg, den Kuchen habe ich für … gebacken!

So kann ein Kuchen ein schier unerreichbares Zeichen von Wertschätzung werden. Überlege mal, ob es in deiner Kindheit auch solche unausgesprochenen Verbindungen zwischen besonderem Essen und Aufmerksamkeit gab.

Was fällt dir als Erstes ein, wenn du es dir mal so richtig gut gehen lassen willst? Mach dir klar, dass du weder Aufmerksamkeit noch Zuwendung oder Wertschätzung durch Essen bekommen wirst.

Suche aktiv andere Wege, um es dir gut gehen zu lassen. Erstelle eine Liste von Aktivitäten, bei denen du dich entspannt und glücklich fühlst. Integriere diese Dinge regelmäßig in deinen Alltag.

Dein Wegweiser raus aus deinen Essmustern


4. Künstliche Verknappung und verbotene Früchte

​„Iss nicht so viel, das muss noch für morgen reichen. Ich habe für zwei Tage gekocht!"
„Kinder dürfen keine Cola trinken."
„Ich möchte nicht, dass ihr so viele ungesunde Sachen esst. Erst wird zu Abend gegessen."

Alles, was man nicht haben darf oder kann wird natürlich erst recht interessant. Es bekommt einen größeren Stellenwert. Dann wird halt heimlich ein Stück gestohlen, so dass es keiner sieht und in der Deckung gefuttert. Je verbotener die Frucht, desto süßer der empfundene Geschmack.

Iss da, wo dich andere sehen können. Setz dich zum Essen an den Tisch und genieße es. Erteile dir selber die Erlaubnis alles zu essen, was du brauchst. Aber nimm jeden Bissen bewusst wahr.


5. Ausleben von Konkurrenz

Wer seinen Eltern geglaubt hat, dass er ganz entspannt essen kann und ihm nichts weggenommen wird, der hat wahrscheinlich keine Geschwister gehabt.

Konkurrenz beim Essen ist unter Geschwistern am größten. Und je größer die Familie, desto größer die Gefahr.

Ich war in der Grundschule mal bei einer Schulfreundin eingeladen. Sie hatte 5 Brüder. Nachmittags stellte die Mutter Teilchen und Getränke für uns alle hin. Was dann passierte, hatte ich nicht erwartet. Es war wie ein Heuschreckenschwarm, der sich über ein Kornfeld hermacht.

Ich bin leer ausgegangen! Das Tempo war ich nicht gewohnt 😉


Jeder isst so schnell er kann, nur nicht seinen Nebenmann.


Zu erkennen, was man bis jetzt an Verknüpfungen mitbekommen hat und sich Schritt für Schritt daraus zu lösen, ist erst heute wirklich möglich. Früher ging es in erster Linie darum irgendwie den Alltag zu organisieren und die Familie durchzubringen. Da hat kein Mensch einen Gedanken an persönliches Wachstum oder seelische Entwicklung verschwenden können.

Manche Prägung ist auch so stark, dass es mehr als eine Generation gebraucht hat, um sie zu verändern.

Es ist gar nicht so leicht sich unabhängig von den Gedanken- und Gefühlsmustern der Eltern zu machen. Wenn die alten Muster sich aber anfühlen wie ein zu eng gewordener, kratziger Wollmantel, dann motte ihn ein!

Knöpfe ihn Schritt für Schritt im Gehen auf, streife ihn ab und lasse ihn zu Boden fallen. Frei nach dem Motto:


Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.


Wie kannst du deine Essmuster verändern?

Übernimm die Kontrolle. Mach dir klar, dass du die Regeln definierst. Es läuft jetzt nach deinem eigenen Kommando.

  1. Mach dir bewusst, welche Botschaften deiner Eltern oder Großeltern noch in dir wirken. Wessen Stimme hörst du noch? Was sagt sie über deinen Umgang mit Gefühlen?
  2. Wie schränkst du dich dadurch selber ein? Fühlt sich das heute noch stimmig an?
  3. Übernimm das Steuer! Fang an dir selbst gute Eltern zu sein und optimiere deine eigene Erziehung. Erteile dir die Erlaubnis für alles, was dich bisher unbewusst eingeschränkt und zurückgehalten hat

​Lass die negativen Essmuster deine Familie bei dir enden. Sei diejenige, die einen neuen Weg geht.

Die Muster fangen an sich zu lösen, wenn du mehr Energie dafür einsetzt deine eigene Identität zu entdecken als dich an die Regeln und ungeschriebenen Gesetze deiner Familie zu halten, um deren Zuwendung nicht zu verlieren.

Auch wenn du viele Jahre gebraucht hast, deine Methoden deine Gefühle nicht spüren zu müssen zu perfektionieren. Mach dir bewusst wie viel Kraft das gekostet hat. Sieh dir deine unbewussten Verknüpfungen an und erlöse deine Gefühle aus ihrem Schattendasein. Es lohnt sich.


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